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A110 1600S "Swissair 1971"

DIE REFERENZ ALPINE A110


HISTORY

 

ZEITKAPSEL


Ein ehemaliger SWISSAIR Ingenieur, wohnhaft in der Nähe von Genf, hatte diese A110 1600S im Jahre 1971 neu geordert und sie seit dem gehütet und gepflegt wie sein Augapfel. Wohl nur so lässt sich der sensationell originale Erhaltungszustand dieser 1600S erklären. Fast könnte man meinen, sie wäre einer Zeitkapsel entsprungen, in welcher sie die vielen Jahre unangetastet überdauert hat.


Über die Historie dieser Berlinette, als auch über seinen ehemaligen Erstbesitzer ließ sich nur sehr wenig in Erfahrung bringen. Noch nicht einmal seinen Namen oder Adresse konnte ich ermitteln. Bekannt wurde lediglich, dass er altersbedingt aufgrund Demenz in eine Pflegeanstalt eingewiesen und die Beistandschaft von der Schweizer Behörde KESCHA übernommen wurde. Von der Zeit als ihr Schweizer Erstbesitzer hinter dem Volant Platz nahm, zeugt noch ein Regenschirm, als auch ein Schlüsselanhänger, beides Relikte mit SWISSAIR Ursprung.

Sein Nachlass, unter anderem auch noch eine Alpine A310, wurde von der KESCHA zum Verkauf freigegeben. So erschienen beide Alpines auf der Webseite eines Classic Car Händlers im Kanton Bern, bei welchem ich das Fahrzeug entdeckte und erwerben konnte.


 

BACK ON TRACK

 

PLUG & PLAY


Die Rubriken SEARCH AND RESCUE sowie BLOOD SWEAT AND TEARS müssen bei diesem Fahrzeug in Ermangelung der Notwendigkeit entfallen. Es waren nahezu keinerlei Restaurationsarbeiten notwendig. Lediglich die üblichen Wartungsarbeiten, welche bei Fahrzeugen mit langen Standzeiten anfallen, mussten erledigt werden.

Bei genauerem Hinsehen wurde offenbar, dass an dieses Fahrzeug noch niemand unbedarft Hand angelegt hatte und sie nie zerlegt oder restauriert wurde. Sie ist sozusagen noch immer in dem Zustand, wie sie damals von den ehemaligen Werksmechanikern montiert wurde und bis ins Detail so erhalten, wie das Fahrzeug einst das Werk verließ.

Lediglich zwei Gummibänder an der Heckklappe wurden als zusätzliche Verschlusssicherung vom Erstbesitzer hinzugefügt. Ansonsten erstrahlt sie geradezu jungfräulich in ihrem ersten Lack und alle Anbauteile sind noch dort, wo sie hingehören. Der eine oder andere kleine Kratzer, feine Risse oder Blässchen verleihen ihr eine charmante Patina, welche kein Lackiermeister dieser Welt hätte je erzeugen können. Einsteigen und losfahren. Magnifique!


 

GET OUT AND DRIVE

 

EINE A110 DIE ALLES KANN


Ein Novum in meiner Alpine Historie stellte der Umstand dar, dass ich eine Berlinette innerhalb nur weniger Wochen wieder fahrbereit auf die Straße bringen konnte. Ein völlig neues Fahrgefühl offenbarte sich mir bei der ersten Probefahrt. Das kleinere MOMO Prototipo Lenkrad mit nur 330mm Durchmesser war zuerst gewöhnungsbedürftig, fielen die Lenkkräfte daduch etwas höher aus. Der Gedanke kam auf, die Agilität könnte darunter leiden, dem war jedoch nicht so. Die serienmäßige Standardübersetzung der Lenkung, als auch die schmalen Pneus lassen das Fahrgefühl gewohnt leichtfüssig erscheinen. Auch die noch immer montierten Original Stoßdämpfer aus dem Jahr 1971, ergaben zwar eine überraschend weiche, aber keineswegs schwammige Abstimmung des Fahrzeuges.


Nein, sie schrie nicht nach Vollgas und Kurvenhatz, sondern wollte eher sanft und behutsam, mit Feingefühl durch die Kurven gezirkelt werden. Die neuen Michelin XAS FF Pneus stehen ihr gut zu Gesicht und vermitteln trotz kleiner Auflagefläche auf dem Asphalt stets ein sicheres und spurstabiles Fahrgefühl. Die weiche Gummimischung "FF" läßt genug Reserven, auch in flott gefahrenen Kurven nicht die Haftung zu verlieren. Die Seriensitze geben hierfür überraschender Weise ausreichend Seitenhalt, wenngleich die Sitzposition deutlich höher ausfällt, im Vergleich zum Schalensitz.


Mein Fazit: Eine Berlinette die alles kann, wie geschaffen für gemütliches Cruisen, als auch für ambitioniertes und sportliches Fahren, vorzugsweise auf kurvenreicher Berg- und Talstrecke. Bonne Route!





 

CAR IN DETAIL

 

NUR DAS ORIGINAL ZÄHLT


Customizing, Tuning und Veränderungen jeglicher Art sind gängige Praxis, insbesondere in der weitläufigen Alpine-Szene. Kaum einer hält sich an die Vorgaben, welche Jean Rédélé in Punkto Design, Ausstattung oder Baureihe seinen Fahrzeugen zu Teil werden ließ. Puristen, welche den Originalzustand schätzen sind bei weitem in der Unterzahl - die Gruppe derer, welche auf Gutdünken restaurieren überwiegt.

Die allermeisten Berlinetten sind nunmehr zwar "restauriert", doch zumeist haben sie mit dem Ausgangszustand, wie sie einst das Werk verlassen hatten nur noch wenig gemein.


In meiner über 35 jährigen Zeit als Liebhaber und Sammler der Alpine A110 haben gewiss nicht wenige, in den meisten Fällen modifizierte Fahrzeuge jeglicher Couleur, meinen Pfad gekreuzt. Ich kann mich jedoch an keines erinnern, welches je den Charme, die Anziehungskraft und die Schönheit eines Originalfahrzeuges gehabt hätte.

Überlieferungen zu Folge war Jean Rédélé kein Freund von Tuning und Customizing an seinen Fahrzeugen.

Umso erstaunlicher ist es, Exemplare wie dieses zu finden, welche absolut unberührt die lange Zeitspanne von mehr als 50 Jahren unverändert überdauert haben. Diese gilt es weiterhin in ihrem Zustand zu bewahren, stellen sie doch mittlerweile gewiss die kleine Minderheit ihrer Gattung dar und werden zukünftig die Referenz dafür repräsentiern,

wie eine Alpine A110 im Originalzustand auszusehen hat.


Nahezu alle Veränderungen und Modifikationen welche vom Original abweichen stellen deshalb nicht nur einen Stilbruch zum Negativen, sondern auch eine stückweise Zerstörung und Missachtung des Erbes von Jean Rédélé dar. Personalisierung von historischen Fahrzeugen steht selbstverstöndlich nicht unter Strafe und bleibt in der Verantwortung eines jeden Besitzers von klassischen Fahrzeugen. Das Verändern oder Verfäschen von automotiven Kulturgut jedoch, kommt nach meiner bescheidenen Ansicht schlichtweg dem Übermalen der Mona Lisa gleich. Eine radikale Ansicht, fürwahr, doch hat sich je einer mit dem Pinsel der Mona Lisa angenähert, um ihr bezauberndes Lächeln neu zu gestalten?



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