Fahrspaß und Leidenschaft

Wolfgang Jakobs

Als Rallyefan war ich schon immer von der Alpine A110 fasziniert.

Im Jahr 1981 habe ich bei der Rallye Monte-Carlo die Alpine A110 zum ersten Mal im Wettbewerbseinsatz gesehen. Der Wunsch, einmal so ein Fahrzeug zu besitzen, war da. Anfang 1985 kaufte ich meine A110 bei einem Renault-Händler in Aachen. Sportlich wurde das Fahrzeug von mir in den Jahren 2005 - 2010 insbesondere bei der Saarland-Rallye (FIA European Championship) und bei der Eifel-Rallye (Slowly Sideways) eingesetzt. Nach langer Recherche konnte ich Anfang 2011 unter Mithilfe des französischen Alpine-Werkswagen-Experten Gilles Valerian, die komplette Historie des Autos herausfinden. Der Entschluss, meinen ex DRM-Semi-Werksrennwagen wieder originalgetreu zu restaurieren, war sofort gefasst.

Historie

Alpine A110 1800VB „BIS“

Foto © Walter Kotauschek
Foto © Walter Kotauschek

Alpine A110 BIS Gr. IV „Compétition client“

Fahrgestellnummer A110 20415

Der französische Experte „Gilles Vallerian“ hat im Rahmen seiner Anfang 2011 durchgeführten Recherchen folgendes herausgefunden:
Die Alpine A110 20415 BIS, Modell 1800 VB, wurde im Jahre 1974 von Renault Deutschland für den deutschen Rennfahrer Heinz Gilges bestellt.

Im offiziellen Alpine-Firmenarchiv befinden sich bezüglich der Chassis-Nummer 20415 folgende Daten:

  • 1800 VB Gruppe 4
  • Karosserie Nummer 10408
  • Farbcode "Gardénia blanc“
  • Vergasermotor MS 92
  • Frontspoiler und Heckflügel Gr. 4
  • Serienfelgen der A310/A110 6 ½-Zoll
  • Getriebe mit Sperrdifferential (Kegel-Tellerrad 9x34)
  • zwei elektrische Kraftstoffpumpen
  • Schnell-Wagenheber
  • Auslieferung ohne Kartenleser
  • ohne Rückfahrleuchte und ohne Insassengurte
  • Auslieferung des Fahrzeugs in Brühl Mitte Februar 75


Hinweise zu dieser A110 findet man auch im Rennservice- Archiv, und zwar im Motorenkapitel. Hinsichtlich des Mignotet CC 1796-Motors heißt es « MS 92 Compétition Client, per Fließbandmontage in A110 BIS eingebaut, RFA » (RFA= Bundesrepublik Deutschland - Alte Bundesländer).
Der Wagen war für Rennstrecken ausgelegt, mit Kotflügelverbreiterungen, Spoiler, Heckspoiler, Felgengröße 6½-Zoll wie für Serienfahrzeuge, wahrscheinlich weil die Deutschen eher auf ihre BBS-Felgen als auf die Felgen der französischen Firma Gotti vertrauten und eine Umrüstung vorgesehen hatten.

1975 plante Renault Deutschland, dessen Firmensitz sich in Brühl, nahe Köln befindet, zwei Fahrer halboffiziell zu unterstützen, einen beim Bergrennsport und den anderen auf der Rundstrecke. Auf der Rundstrecke kam die Unterstützung Heinz Gilges zu. Er steuerte den Wagen exklusiv auf der Rennstrecke: Zolder, Nürburgring, Hockheim etc.

Das Fahrzeug wurde von Heinz Gilges bei mehreren Läufen zur Deutschen Rennsportmeisterschaft „DRM“ eingesetzt. Sein bestes Ergebnis erzielte Heinz Gilges mit einem Klassensieg beim ADAC-Rundstreckenrennen in Saarlouis im Mai 1975.

Zwischen 1976 und 1985 wechselte das Fahrzeug vielfach den Besitzer.

Im März 1985 war das von Wolfgang Jakobs gekaufte Auto rot und hatte „ailes Plates“– Kotflügelverbreiterungen.

Das Auto ist von Rolf Scheilz „rot“ lackiert worden. Siebtbesitzer: seit März 1985 Wolfgang Jakobs

Das Auto wurde von Wolfgang Jakobs 1986 dunkelblau lackiert. Zwischen 2005 und 2010 wurde das Fahrzeug bei zahlreichen Rallyes und bei Showrennen im Vorprogramm von DTM- Läufen unter dem Motto „World of Race Cars“ eingesetzt.

© STO Motorsportfotos
© STO Motorsportfotos
© SFM Sascha Dörrenbächer
© SFM Sascha Dörrenbächer
© Rallyetukker Wim Schodmann
© MApics Martin Adko

Im Jahr 2007 wurde das Auto in der Farbe „blau metallic“ neu lackiert. Im Rahmen der Restaurierung in den Originalzustand von 1975 hat das Auto wieder seine Originalfarbe „reinweiß“ erhalten.

© STO Motorsportfotos
© Manfred Förster
© Mc Klein
© Mc Klein

Nachfolgend sind sämtliche Besitzer, die Rennteilnahmen des Fahrzeuges, Umbauten und Lackierungen sowie Verkaufsanzeigen in Zeitschriften zusammengestellt:

Restaurierung

Einbau neuer Seitenwand hinten Tür mit 7 Lackschichten Anpassung Verbreiterung hinten

Alpine A110 1800VB „BIS“

DRM Nürburgring

Foto © STO Motorsportfotos
Foto © STO Motorsportfotos

Alpine A110 1800VB „BIS“ Gr IV Chassis 20415

Die letzte bedeutende Entwicklungsstufe der Alpine A110, ausschließlich für den Motorsport vorgesehen, war die 1800 VB Gruppe 4. Diese Version besitzt die damals neue 4-Loch Hinterachse der A310, einen auf 1796 cm³ aufgebohrten Motor (Mignotet), aufgenietete Kotflügelverbreiterungen, einen weit ausladenden Heckspoiler und einen voluminösen Frontspoiler. Die Alpine 1800 VB, vorgestellt 1974, wird später in Anlehnung an die unabhängige hintere Radaufhängung nur noch kurz „BIS“ bezeichnet. Wahlweise mit Weber-Vergasern oder einer Lucas-Benzin-Einspritzung versehen, offerierte die Alpine eine Leistung von 165 bis 175 DIN-PS.

Insgesamt wurden nach Literaturangaben nur 13 A110 „BIS“ 1800 VB gebaut. Hierbei handelte es sich um 4 vom Werk eingesetzte Wagen und um 9 sogenannte „Compétition client“ – Kundenfahrzeuge.

Die hier präsentierte A110 20415 ist der kleinen Gruppe von „Compétition client“ – Kundenfahrzeugen zuzuordnen.

Zertifikat Renault Classic
Foto © STO Motorsportfotos
Foto © STO Motorsportfotos

Fahrzeugdetails

© STO Motorsportfotos
Innenraum

Der Mignotet-Motor ist zwar verschwunden, aber das Fahrzeug besitzt immer noch die meisten seiner Werksteile: leichte Karosserie, Getriebe 365 "Monte-Carlo" mit Hewland- Gleitsteinsperre, großer Kühler (Öl/Wasser), in der Fahrzeugmitte positionierter 80-Liter Kraftstofftank, ausgespreizter hinterer Rahmen für das Ansetzen des Schnell-Wagenhebers, verstärkter Rahmen vorne und hinten, verstellbare Dreiecks-Querlenker hinten, seitlich platzierter Ölfilter etc…

© STO Motorsportfotos
Tankverschluß „Le Bozec“ Magnesium BBS- Felge, 9,5 Zoll hinten
© STO Motorsportfotos
Kofferraum mit Not-Strom-Aus Wasserkühler mit 2 aufgeschweißten Ölkühlern und hochgesetzter Batterie
© STO Motorsportfotos
Zug Not- Strom- Aus mit Halter Fronthaube Verstellbarer Dreiecks-Querlenker hinten mit Stabilisator
 
© STO Motorsportfotos
Ausgespreizter Rahmen mit Schnellwagenheberaufnahme, an Stahl-Zwischenplatte befestigtem Auspufftopf sowie Riemenscheibe
Halter Auspuffkrümmer Typ „Eiffel“
Seitlich platzierter Halter für den Ölfilter
Anstelle des Original-Mignotet-Motors MS 92 wurde ein möglichst authentischer Ersatzmotor mit dem original Mignotet-Zylinderkopf MS 98 neu aufgebaut und in die A110 1800 VB 20415 installiert.

Neuaufbau des 1796 cm³ - Motors mit Original-Mignotet-Zylinderkopf MS 98

Motorbau: Garage Llopis, 83150 Bandol, Frankreich
Historie/Technische Beratung: Gilles Vallerian, Frankreich

Historie Mignotet-Motor MS 98:
Motor „Client“ verkauft in der ex-Werksalpine 2461 HN 76 an Franz Hummel im Jahr 1975.
Mit der ex 2461 HN 76 und dem Motor MS 98 hat Franz Hummel im Jahr 1976 an folgenden Rallyes teilgenommen:

  • mit Jean-Pierre Beltoise
    • Ronde de Chamonix

  • mit Francoise Conconi, ex Copilotin Aseptogyl
    • Rallye Neige et Glace
    • Lyon Charbonnières
    • Rallye Dôme Forez
    • Ronde de la Lozère
    • Rallye du Mont Blanc

Die Wartung des Autos für die Motorsporteinsätze erfolgte durch Jacques Henry. Ende 1976 kaufte Franz Hummel von Jacques Henry dessen A110 1800 VB „BIS“, Fahrgestellnummer 20305. Den Motor MS 98 und die ex 2461 HN 76 verkaufte Franz Hummel separat.

Im Jahr 2005 entdeckte und kaufte Gilles Vallerian den in sehr gutem Zustand befindlichen Original-Zylinderkopf MS 98 des defekten Motors in Salon-de-Provence.

Ende 2015 verkaufte Gilles Vallerian diesen Zylinderkopf MS 98 an Wolfgang Jakobs, der für den verschollenen Mignotet-Motor MS 92 seiner A110 1800 VB „BIS“ mit der Fahrgestellnummer 20415 einen möglichst nahe am Original liegenden Ersatzmotor suchte bzw. einen entsprechenden Motor aufbauen lassen wollte.

Foto © Gilles Vallerian
Kopie der Karteikarte von Monsieur Gilbert Harivel vom Mignotet-Motor MS 98. Eingebaut in den ex-Werkswagen 2461 HN 76 (Siegerwagen San Remo 1973) wurde der neue Motor MS 98 am 28.08.1975 gemeinsam mit dem Auto an Franz Hummel verkauft. Zylinderkopf MS 98 mit Rennventilen in Original-Mignotet-Größe:
Einlass: 42,10 mm
Auslass: 35,35 mm
Ex Werks-Motorblock Typ 844-30 Renault-Gordini mit Bohrungen für 1796 cm³ nach Strahlung mit Glasperlen und Reinigung. Mit Cat Cams-Nockenwelle Typ „Mignotet“. Eingebaute neue R18 Turbo-Kurbelwelle (identisch mit Kurbelwelle A110 SC, jedoch bessere Materialgüte). Laufbuchse 82,50 mm aus Fonte GS (Nachfertigung Garage Llopis nach einer originalen Mignotet-Laufbuchse), eingebaut mit O-Ring am Fuß anstelle des originalen Kupferringes. Einschl. Schmiedekolben „Wössner“ (Ref. 1002P825). Riemenscheiben Kurbel- und Nockenwelle mit Duplex-Kette und Führung. Nockenwellen-Riemenscheibe verstellbar. Geschliffene und gehärtete Stößel R12 Gordini eingebaut. Motor kurz vor der Fertigstellung. In A110 1800 VB „BIS“ Fahrgestellnummer 20415 eingebauter Motor mit Original- Mignotet-Zylinderkopf MS 98, Ansaugbrücken, Gummistutzen, Weber-Vergasern 45 DCOE und Ansaugtrichtern.

Vergaserbestückung:
  • Lufttrichter: 40
  • Hauptdüse: 160
  • Luftkorrekturdüse: 180
  • Mischrohr: F16
  • Leerlaufdüse: 55F8

Lichtmaschine 80 Ampere und Wasserpumpe mit Riemenscheibe R12G bzw. A310-4.
Motor 1796 cm³ mit Original-Mignotet-Zylinderkopf kurz vor der Fertigstellung.
Der Auspufftopf ist an der Stahl-Zwischenplatte mit den „Ohren“ (Typ Mignotet – letztes Modell) befestigt.
Original-Zylinderkopf MS 98. Zylinderkopf MS 98 mit kurzen Ventilfedern (aus BMW M3 E30) und Titan-Federtellern. Spezielle Zylinderkopfdichtung (in Italien hergestellt) mit O-Ringen. “Verstiftete” Lagerböcke der Kurbelwelle des ex Werks-Motorblockes (vor der Reinigung).
Gekauft im Jahr 2015 bei Benny Raepers in Belgien.
Stark erleichtertes Schwungrad (mit 3 Stiften). Schwungrad mit Gradscheibe.
Geschmiedete Pleuel Fabrikat „SAENZ“ (Ref. 40904403SZ) sind mit speziellen Pleuelschrauben (10 mm) bereits eingebaut.
Vorbereitung der Einstellarbeiten.
Foto © Andre Llopis
Ergebnis Motor-Rollenprüfstand.

Videos

Eifel-Historic-Rallye 2008 - 2010, Jakobs/Bernardy
DARM Zolder (GT) 1975, Heinz Gilges
Alpine A110 1800 VB mit neuem Motor auf Prüfstand

Presse